Khimmak - Sozialer Aufstieg durch Bildung

Khimmak ist der erste von unserem Projekt geförderte Schüler. Er gehört zur Kaste der Schmiede. Sein Vater war Schmied, ebenso sein Großvater. Nach hinduistischer Tradition hätte der Sohn ebenfalls Schmied werden müssen: in Nepal wird man in seine Kaste hineingeboren und kann sie lebenslang nicht wechseln. Das ist gerade für Schmiede unvorteilhaft. Ihre Kaste gehört zu den niedrigsten. Angehörige höherer Kasten dürfen sie nicht einmal berühren, nicht ihr Haus betreten, kein Wasser aus der gleichen Quelle schöpfen und schon gar nicht Essen mit ihnen teilen. Zwar gibt es in Nepal ein Gesetz, das diese Diskriminierung verbietet, doch in den ländlichen Regionen Nepals hält man es mit der Tradition.

Trotzdem hat Khimmak den sozialen Aufstieg vom diskriminierten Schmiedesohn zum angesehenen Sekundarschullehrer geschafft. Seine Schüler reden ihn heute respektvoll mit dem englischen Titel „Sir“ an. In der gesamten Region ist er als „Khimmak Sir“ bekannt. Diesen Aufstieg hat er, wie er selbst immer wieder beteuert, allein dem Nepalhilfsprojekt der Helene-Lange-Schule Wiesbaden zu verdanken. Khimmak wurde 1973 geboren. Die sechsköpfige Familie lebte von den wenigen, dazu schlecht bezahlten Aufträgen, die sein Vater als Schmied und Tagelöhner erhielt, sowie den dürftigen Erträgen eines kleinen gepachteten Feldes. Khimmak besuchte die Grundschule in Bhandar, saß dort zusammen mit Kindern höherer Kasten - und war bester Schüler der Klasse. Doch nach der fünften Klasse begannen die Probleme. Seine Eltern konnten das Schulgeld für die Sekundarschule nicht aufbringen und Khimmak musste die Schule verlassen.

Diesen Fall schilderte der Wiesbadener Lehrer Walter Limberg seiner Klasse im Jahre 1988 nach seiner Rückkehr von einer Reise nach Bhandar. Er berichtete über die extreme Armut und dass es dort viele Kinder wie Khimmak gäbe. Spontan übernahmen Schüler Patenschaften. Von ihrem Taschengeld gaben sie monatlich 2,50 Mark ab und zahlten damit einem bedürftigen Kind in Bhandar das Schulgeld.
Das war übrigens der Beginn des Nepalprojekts der Helene-Lange-Schule.
Doch zurück zu Khimmak, der nun mit Hilfe aus Deutschland die Sekundarschule in Bhandar besuchen konnte. Bald war er auch dort Klassenbester und blieb es bis zur glänzenden Abschlussprüfung nach der 10. Klasse. Für das Nepal-Team an der Helene-Lange-Schule war es klar, dass Khimmak auch die Oberstufe besuchen sollte. Doch das war nur in Kathmandu möglich und nicht mehr mit Taschengeldbeträgen zu finanzieren. Für den Lebensunterhalt, für Bücher, Kleidung und Transport war ein monatliches Stipendium in Höhe von 4.000 Rupien oder rund 50 Euro bzw. damals 100 Mark erforderlich. Dafür fand sich ein privater Sponsor.
In der Hauptstadt Kathmandu spielt die Kastenzugehörigkeit kaum eine Rolle und Khimmak fühlte sich wohl und frei. Nach Erlangen der Hochschulreife im Jahr 1995 studierte er Mathematik und machte drei Jahre später sein Bachelor-Examen.
Als Gegenleistung für die jahrelange Unterstützung unterrichtete er dann zwei Jahre im Projektgebiet an der Sekundarschule in Those. Zurück ins Bergland zu gehen, fiel ihm ungeheuer schwer, denn hier begegnete er wieder dem Kastendenken. Im privaten Leben blieb er zunächst sozial verachtet. Er musste im primitiven Schülerwohnheim leben, ohne Toiletten, Waschen am nahegelegenen Fluss. Niemand vermietete ihm ein Zimmer, es gab keine Einladungen zu privaten Feiern, auch nicht von seinen Kollegen. Doch bald erfuhr er Wertschätzung von seinen Schülern, die sich nach und nach auf die Bewohner des kleinen Städtchens übertrug. Er gab dem Schulbetrieb viele Anregungen zur Verbesserung der Lernsituation und richtete eine Schulbücherei ein. Als er Those nach zwei Jahren verließ, um sein Masterstudium an der Universität in Kathmandu zu absolvieren, bereiteten ihm Schüler und Kollegen eine große Abschiedsfeier.
Heute unterrichtet „Khimmak Sir“ Mathematik an der Sekundarschule in Pumpa im Distrikt Dolakha. Die Distriktleitung hat ihn mit der Durchführung von Fortbildungskursen für Mathematiklehrer beauftragt. Auch im benachbarten Projektgebiet von Bhandar ist er als Ausbilder tätig und bei der Planung eines Zentrums für Lehrerfortbildung behilflich.
Khimmak ist verheiratet und hat zwei Töchter und einen Sohn. In seinem Lebenslauf betont er, dass für ihn nicht nur seine eigene berufliche Laufbahn und die seiner Kinder von Bedeutung ist. Er wünscht sich, dass mehr Kinder aus unterprivilegierten Schichten die Chance zum sozialen Aufstieg durch Bildung erfahren und so auch im ländlichen Nepal das konservative Kastendenken verändert werden kann. Im Auftrag des Nepalprojekts sucht er gezielt nach begabten Schülern aus den Kasten der Unberührbaren (neben Schmiede auch Schneider und Schumacher), damit diese besonders gefördert werden können.

